Solidarisch gegen Corona – Kein Raum für Nazis

Wir haben es tatsächlich geschafft. Auch Kiel kommt in die Pötte.
With a little help from our friends: Vielen Dank, liebe Lübecker*innen, für die Plakatvorlage!
Wir Omas nehmen natürlich teil, mit unseren Bannern, Schildern, Bändern, Schals …, FFP2-Masken und gehörigem Abstand.
Es gibt ein gut ausgefeiltes Hygienekonzept.

 

 

 

Solidarisch gegen Corona – Kein Raum für Nazis

Liebe Bürgerinnen und Bürger in Kiel,
wir sind besorgt über das Auftreten der Coronaleugner:innen in unserer Stadt.
Seit Monaten schon versuchen sie die Debatte und die öffentliche Wahrnehmung zu bestimmen: Querdenker:innen, Anhänger:innen absurder Verschwörungstheorien, „Aufstehen für…“ was auch immer. Sie versammeln sich überall in Deutschland – vorgeblich, um gegen die Corona-Maßnahmen zu protestieren.
Dabei nutzen radikale rechte Gruppierungen von Beginn an die Kritik an den Maßnahmen für ihre Sache. So rückt deutlich ein anderes Anliegen in den Fokus: Die Verachtung der Demokratie und das rücksichtslose Durchsetzen individueller Interessen gegen die Schutzbedürftigkeit Anderer. Rechte, antisemitische und rassistische Gruppen wollen ihre eigene Agenda etablieren und durchsetzen: die Zerstörung der Demokratie.
Wer zusammen mit Rechtsradikalen und Antisemiten an den sogenannten „Spaziergängen“ teilnimmt, wer wirksame Hygienemaßnahmen missachtet, gefährdet auch die Gesundheit anderer Menschen.

Wir nehmen das nicht länger hin!
Wir sind der Überzeugung, dass die Pandemie nur gemeinsam auf der Basis sich entwickelnder wissenschaftlicher Erkenntnisse überwunden werden kann. Wir tragen die Maßnahmen mit, die dem Schutz vor der Pandemie dienen. Wir sind solidarisch mit den Menschen, die überall im Gesundheitswesen seit 2 Jahren bis zur Erschöpfung und darüber hinaus arbeiten,und mit denen, die in Handel und Gastronomie nicht nur die wirtschaftlichen Folgen tragen, sondern auch Anfeindungen aushalten müssen.
Der Schutz vor der Pandemie erfordert jedoch auch politisches Handeln, das über den Gesundheitsschutz hinaus geht.

Daher setzen wir uns ein
• für Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Pflege; Krankenhäuser und Gesundheitswesen gehören wieder in öffentliche Hand
• für den Schutz der Beschäftigten in Berufen, die täglich mit Menschen – auch Corona-Leugner:innen – zu tun haben
• für wirksame Unterstützung ärmerer Länder in der Pandemiebekämpfung, Freigabe der Impfstoffpatente
• für Ausgleich der materiellen Schäden durch die Corona-Schutzmaßnahmen für Berufstätige, Selbständige, Künstler:innen – vollständig und unbürokratisch
• für eine Politik, die die entstandenen Kosten nicht einfach auf dem Rücken der Bevölkerung ablädt, sondern sicherstellt, dass insbesondere Reiche angemessen herangezogen werden.

Wir stehen ein für
ein solidarisches Miteinander und wollen ein Zeichen setzen gegen Gewalt, Rassismus und Antisemitismus und Verschwörungsideologien, die das friedliche Zusammenleben gefährden.

Wir laden Sie, Kielerinnen und Kieler, ein:
Machen Sie Ihre Ablehnung gegenüber den „Spaziergängen“ deutlich und nehmen Sie teil an unseren Aktionen oder werden Sie mit anderen kreativ. So zeigen wir gemeinsam:
Wir, Menschen in Kiel und Schleswig-Holstein, sind solidarisch und verantwortungsvoll!

Eine Teilnahme an unserer Kundgebung ist möglich mit FFP2-Maske – Abnehmen zum Rauchen, Essen oder Trinken nur außerhalb der Kundgebung – und dem Einhalten der Abstandsregeln. Dies lässt sich gut erreichen mit Bannern, Schals oder Bändern.

Heute hat Esther Bejarano Geburtstag

Am 15. Dezember 1924 wurde Esther Bejarano in Saarlouis geboren. Sie – eine Ehrenoma der OMAS GEGEN RECHTS – verstarb, wie ihr alle wisst, am 10. Juli 2021. Anlässlich ihres Geburtstages wollen wir an die beeindruckende Frau mit der großen Ausstrahlung erinnern.

Eigentlich hatten wir eine Veranstaltung zu Esthers Geburtstag angedacht, und ich wollte aus ihrem Buch vorlesen. Aber die Zeiten sind nicht so, und so haben wir beschlossen, einen Beitrag auf unserer Homepage zu veröffentlichen.
Gestattet mir ein persönliches Wort: Wenn ich mal ein wenig resigniere oder daran denke, dass die Aufgaben, die wir haben, schier überwältigend groß sind, denke ich gern an Esther. An ihre Energie, an ihre Kraft. Dann geht es mir etwas besser und ich kann wieder daran glauben, dass wir Omas auf dem richtigen Weg sind und etwas dazu beitragen können, dass die Faschisten in ihren Löchern verschwinden (Deckel drauf und basta).

Lassen wir Esther Bejarano selbst zu Wort kommen:
In den siebziger Jahren, als sie eine Boutique in Eimsbüttel hatte, fragten einige Kundinnen, ob sie Türkin sei.

Aber sie haben sich gewundert, dass ich so gut Deutsch konnte, dann musste ich sagen: Kinder, ich bin hier geboren. Was hast du gemacht während des Krieges, fragten sie, und so kam es, dass sie erfahren haben, dass ich in Auschwitz und Ravensbrück gewesen war. (…)

Aber dann geschah die Sache mit den Nazis. Die NPD stellte einen Stand vor meiner Boutique auf. Ich habe einen großen Schreck bekommen. Es tauchten auch viele Antifaschisten mit ihren Transparenten auf. Da stand: ,Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg’ drauf. Dann kam die Polizei und hat sich vor die Nazis gestellt, um sie zu schützen. So habe ich einen Wutausbruch gekriegt. Ich ging raus und sagten den Polizisten: Es ist eine Katastrophe, was hier passiert, was machen Sie, wieso schützen Sie eigentlich diese Leute? Wissen Sie nicht, wer sie sind? Die haben zu viel Elend in die Welt gebracht, und Sie schützen sie. Und die Anderen, die gegen diese Nazis demonstrieren, werden in der grünen Minna weggebracht. Wo sind wir eigentlich? Der Polizist antwortete: Regen Sie sich nicht so auf und gehen Sie wieder in Ihre Boutique, sonst kriegen Sie einen Herzinfarkt. Aber ich regte mich noch mehr auf, fasste ihn am Revers, und er sagte: Lassen Sie mich sofort los, sonst verhafte ich Sie. Machen Sie das nur, habe ich gesagt, ich habe Schlimmeres erlebt, ich war in Auschwitz. Und einer von diesen Nazis, der das gehört hatte, hat gemeint: Sie müssen sie einsperren, weil sie eine Verbrecherin ist, wenn sie in Auschwitz war, denn in Auschwitz waren nur Verbrecher. Daraufhin habe ich zu mir gesagt: Das reicht jetzt!“

Von jenem Moment an hat sich Esther eine neue Welt eröffnet, ihre Welt. Sie hat endlich Menschen kennen gelernt, denen sie vertrauen konnte, sowohl unter den Jüngeren als auch unter den Älteren, die seit 1933 dem Naziregime Widerstand entgegengebracht hatten.

Sie hatten viel Schlimmes erlebt, genau wie ich, aber sie waren schon von 1933 an aktiv im Widerstand. Von denen ist in Deutschland überhaupt nicht die Rede. Wenn man über die Widerstandskämpfer spricht, meint man diese Generäle, die Hitler ermorden wollten (Oberst von Stauffenberg und andere – Anmerkung von mir), dabei waren sie bis zu dem Zeitpunkt an seiner Seite und haben alles mitgemacht. Sie sind heute die am meisten gefeierten Widerstandskämpfer in Deutschland, die anderen, die Kommunisten, die Sozialdemokraten und alle möglichen Menschen, die von Anfang an gegen Hitler gekämpft hatten, die werden kaum irgendwie benannt. Meine jiddischen Lieder handeln auch von jüdischem Widerstand, es ist wichtig, dass diese Lieder bekannt werden. So wenige Menschen wissen, dass es einen jüdischen Widerstand gab. Das ist überhaupt nicht bekannt. Dass viele Menschen ums Leben gekommen sind, das ist eine andere Sache. In Deutschland hat man immer gesagt, die Juden hätten sich zur Schlachtbank bringen lassen und hätten sich nicht gewehrt. Das ist natürlich großer Blödsinn, denn wenn man sich gewehrt hätte, wäre man noch vorher umgekommen. Trotzdem gab es überall in sämtlichen Ghettos Widerstand. Ganz bekannt ist der Widerstand des Warschauer Ghettos, aber es gab auch in Buchenwald und in anderen Konzentrationslagern Widerstand. Das wollen wir auch mit unserer Musik bekannt machen. Ein wunderbares Lied ist Shtil, die nakht iz oysgeshternt, das von einem Widerstandskämpfer geschrieben wurde, der sehr jung zu Tode gekommen ist. Er hat auch Sog nit keynmol, as du gejsst dem letzn Weg verfasst, eines der wichtigsten Lieder des jüdischen Widerstands (gemeint ist Hirsch Glik, der mit 24 Jahren 1944 im Kampf gegen die deutschen Truppen starb – Anmerkung von mir). …“

Aus Esther Bejarano, Erinnerungen,
Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen rechts
Hrsg. Von Antonella Romeo

Esther Bejarano & Coincidence – Shtil, di nakht is oysgeshternt
https://www.youtube.com/watch?v=_gOxOFVVG4A

Sage nie, Du gehst den letzten Weg, Esther Bejarano und die Microphone Mafia
https://www.youtube.com/watch?v=-wmcZFnPuFI

Selbstverständlich werden wir uns in den Wahlkampf einmischen. Und selbstverständlich geht es uns dabei darum, keine Faschisten mehr in den Parlamenten zu dulden. Daher haben wir folgendes Flugblatt erarbeitet: Oben die Außenseite des dreiteiligen Flyers.

Für eine solidarische Stadt

Gemeinsam gegen Querdenker*innen, Coronaverharmloser*innen, Nazis und Rassist*innen!

Am 15. Mai wollen Anhänger*innen der „Querdenker“-Bewegung den ganzen Tag über mit verschiedenen Aktionen die Stadt Kiel unsicher machen. Für ihre Auftritte werben sie unter anderem mit einer Grafik, auf der sich zwei Menschen ohne Mund-Nasen-Bedeckung umarmen, und solchen Parolen: „Triff deine Freunde! Umarme deine Mitmenschen!“ Entsprechend verantwortungslos sind sie schon mehrfach in Kiel unterwegs gewesen und haben zur Verbreitung der Pandemie beigetragen.

Der Runde Tisch gegen Rassismus und Faschismus hat den Oberbürgermeister und die Ordnungsbehörden der Stadt aufgefordert, solche Aktionen nicht zu genehmigen und ggf. zu unterbinden.

Vor allem aber treten wir den „Querdenker*innen“ entgegen, weil sie Nazis, Antisemit*innen und anderen Rassist*innen Raum geben und deren Ideologien, darunter antisemitische Verschwörungsmythen, verbreiten. In einer Chatgruppe „besorgter Eltern“ aus Kiel kursierte bereits ein antisemitisch motivierter Mordaufruf.

Wir sagen: Mit Nazis demonstriert man nicht!

Wir überlassen den „Querdenker*innen“ nicht die Straßen unserer Stadt.

Wir rufen auf zu einer antifaschistischen Bündnisdemonstration am Sonnabend, 15. Mai 2021.
Treffpunkt und Auftaktkundgebung: 10 Uhr auf dem Platz der Matrosen (Hbf).

Solidarisch und unter Einhaltung der geltenden Schutzbestimmungen –ausreichender Abstand und Mund-Nasen-Bedeckung –werden wir den „Querdenker*innen“ entgegentreten und unsere demokratischen und sozialen Rechte verteidigen. Wir laden alle Demokrat*innen ein, dabei mitzumachen.

Die Querdenker*innen-Bewegung ist das direkte Gegenteil einer solidarischen Bewegung zur Überwindung der von ihren Anhänger*innen geleugneten oder verharmlosten Pandemie und des mit dieser einhergehenden Sozialkahlschlags. Eine solidarische Bewegung brauchen wir aber dringend, und als Antifaschist*innen tragen wir unseren Teil zur Entwicklung dieser Bewegung bei.

Wir kämpfen gegen die Abwälzung der Krisenlasten auf die Schultern der Mehrheit der Bevölkerung, die bereits heute am stärksten unter der Krise leidet, die Einkommenseinbußen hinnimmt und unzureichend unterstützt wird. Wir setzen uns für eine umfassenden Gesundheitsschutz in den Betrieben, im Einzelhandel, in Büros und Verwaltung ein.
Das Gesundheitswesen und die gesamte Daseinsvorsorge gehören in die öffentliche Hand und dürfen nicht dem Profitstreben unterworfen sein.

Die „Querdenker*innen“ in Kiel haben für ihre Aktionen die gewerkschaftliche Losung „Kiel steht auf“ gekapert. Aber diese Leute sind Feinde der Gewerkschaftsbewegung. Sie sind keine „Grundrechtswahrer“ und keine Vertreter*innen der sogenannten „kleinen Leute“.

In Kiel nehmen häufig Anhänger*innen faschistischer Organisationen wie „Bollstein Kiel“, NPD und Identitäre Bewegung sowie der AfD an solchen Aktionen teil. Sie diskutieren in online-Foren, wie sie diese für sich ausnutzen können. Die AfD will die Stimmen dieser Leute bei der Bundestagswahl einheimsen. Der Faschist Björn Höcke sagte deshalb in Dresden, Corona sei eine „herbeigetestete Pandemie“, also gar keine, und seine Partei fordert die sofortige Aufhebung aller Schutzbestimmungen. Der AfD und ihresgleichen werden wir auch im Wahlkampf entschlossen entgegentreten.
Der Runde Tisch gegen Rassismus und Faschismus Kiel unterstützt die Kampagne „Aufstehen gegen Rassismus“ in Schleswig-Holstein. Wir rufen alle Demokrat*innen auf: Achtet auf die Ankündigung von örtlichen Aktivitäten und gestaltet sie mit.

Unsere Antwort gegen alle Angriffe von rechts heißt Solidarität. Unser Ziel ist eine Gesellschaft, in der Rassismus und Faschismus keinen Nährboden mehr finden.

V.i.S.d.P. Runder Tisch gegen Rassismus und Faschismus c/o ver.di, Legienstr. 22, 24143 Kiel

Der 8. Mai muss ein Feiertag werden

Der 8. Mai – Tag der Befreiung
vom Nationalsozialismus

Am 8. Mai 1945 endete der zweite Weltkrieg nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Somit galt lange Zeit der 8. Mai 1945 als Tag der Kapitulation, der Niederlage. Viele sahen sich als deutsche Opfer, wobei die Insassen der Konzentrationslager, alle vom Naziregime Verfolgten diesen Tag schon immer als Tag der Befreiung sahen.
Auch von den AntifaschistInnen in der BRD vorangetrieben gab es in den 60er Jahren eine verstärkte Auseinandersetzung und Aufarbeitung der NS-Verbrechen sowie die Forderung, die politisch Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen und ihren Einfluss in dem Staat, in der Justiz, in der Gesellschaft zu unterbinden. So begann in der Öffentlichkeit langsam eine veränderte Sicht auf diesen Tag. Erwähnt seien in diesem Zusammenhang auch die von Generalstaatsanwalt Fritz Bauer geprägten Auschwitz-Prozesse in Frankfurt.

Deutlich wird dieser Wandel in der berühmt gewordenen Gedenkrede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker im Deutschen Bundestag zum 40. Jahrestag des Kriegsendes 1985.
„Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“
Ein Paradigmenwechsel im öffentlichen Bewusstsein vom Tag der Niederlage zum Tag der Befreiung wurde so gefördert. Jedoch haben sich dieser Geist und die Wende in der Erinnerungskultur noch nicht gänzlich verankert und beides soll sogar wieder rückgängig gemacht werden. Erinnert sei hier nur an Björn Höckes (AfD) Forderung nach einer erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad.
So gilt auch heute noch die Mahnung von Richard von Weizsäcker:
„Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.“
Dies gilt umso dringlicher angesichts der aktuellen Hochkonjunktur rechter Gewalt, des erstarkten Rechtsextremismus, des Rassismus und Antisemitismus, des Einzugs von den extremen Rechten in unsere Parlamente. Diese Realität zeigt, dass fast ein Viertel der deutschen Bevölkerung nur wenig oder nichts aus der Geschichte gelernt haben.
Richard von Weizsäcker beendet seine Rede mit einer Bitte an die jungen Menschen:

„Hitler hat stets damit gearbeitet, Vorurteile, Feindschaften und Hass zu schüren.
Die Bitte an die jungen Menschen lautet:
Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass
gegen andere Menschen,
gegen Russen oder Amerikaner,
gegen Juden oder Türken,
gegen Alternative oder Konservative,
gegen Schwarz oder Weiß.
Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.
Lassen Sie auch uns als demokratisch gewählte Politiker dies immer wieder beherzigen und ein Beispiel geben.“

Dieser Appell hat auch heute noch seine Gültigkeit. Ergänzen wir ihn mit den Forderungen: AfD, NPD und Co entgegenzutreten, das Agieren von gewalttätigen und mordenden Neonazis zu unterbinden, die rechten Netzwerke in Polizei und Bundeswehr aufzudecken, aktiv gegen jede Form von Rassismus und Diskriminierung aufzutreten.

Als Omas gegen Rechts unterstützen wir deshalb die Initiative von Esther Bejarano, Mitglied des „Mädchenorchesters“ und Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz und heute Vorsitzende des Auschwitz-Komitees in der BRD e.V., dass der 8. Mai ein gesetzlicher Feiertag wird. Ein Feiertag gäbe eine Gelegenheit „über die großen Hoffnungen der Menschen nachzudenken: über Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – und Schwesterlichkeit.“ (Esther Bejanaro)

https://www.change.org/p/8-mai-zum-feiertag-machen-was-75-jahre-nach-befreiung-vom-faschismus-getan-werden-muss-tagderbefreiung-bkagvat-bundesrat

Bücherverbrennungen Mai 1933 – 8

Anna Seghers
Die Toten bleiben jung

Den großen Epochenroman „Die Toten bleiben jung“ brachte Anna Segers aus dem mexikanischen Exil mit. Nach dem „Siebten Kreuz“ entstanden, ist es der in unserer Literatur einzig dastehende Versuch, das Deutschland der Weimarer Reublik und des Dritten Reiches, die verhängnisvolle Geschichte von Kriegsende 1918 bis Kriegsende 1945, in einem Roman darzustellen.

Klappentext der Luchterhand-Ausgabe

Wer irgend etwas wissen will, von seiner, von unserer Geschichte, bei der Seghers kann er es finden, deutlicher als in den Lehrbüchern, näher, beklemmender.

WDR

bitte klicken:

Ausschnitt aus „Die Toten bleiben jung“ Band 1

Ausschnitt aus Band 2

 

 

Bücherverbrennungen 1933 (7)

Diese Texte stammen aus einer Textcollage für die Gedenkveranstaltung zum 60. Jahrtestag der Bücherverbrennung in Offenbach, zusammengestellt von der Offenbacher VVN-BdA. Gesendet hat sie uns G.G.

Aus der Rede Goebbels am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz

„Ihr jungen Studenten seid Träger, Vorkämpfer und Verfechter der jungen revolutionären Idee dieses Staates gewesen, und so wie Ihr in der Vergangenheit das Recht hattet, den falschen Staat, den Unstaat zu berennen und niederzuwerfen, so wie Ihr das Recht hattet, den falschen Autoritäten dieses Unstaates Euren Respekt und Eure Achtung zu versagen, so habt Ihr jetzt die Pflicht, in den Staat hineinzugehen, den Staat zu tragen und den Autoritäten dieses Staates neue Würde und neue Geltung zu verleihen. Ein Revolutionär muß alles können. Er muß ebenso groß sein im Niederreißen der Unwerte, wie im Aufbauen der Werte. Wenn Ihr Studenten Euch das Recht nehmt, den geistigen Unflat in die Flammen hineinzuwerfen, dann müßt Ihr auch die Pflicht auf Euch nehmen, an der Stelle dieses Unrates einem wirklich deutschen Geist die Gasse freizumachen.“

Elisabeth Castonier,
Augenzeugenbericht vom Berliner Opernplatz 10. Mai 1933

„Gegen Mitternacht hielt der Ober-Derwisch Goebbels mit überschnappender Stimme eine Ansprache, die neue Beifallsstürme provozierte. Dann kamen die Werke der Nicht-Prominenten an die Reihe, wurden ballenweise in die Flammen geworfen, und immer wieder riefen Stimmen: „Wir brauchen mehr, sonst geht uns das Feuer aus!“

Es kamen mehr, in Ballen, in Blättern. Eine ältere Frau zwängte sich an uns vorüber. Sie trug einige Bücher im Einkaufsnetz, um ihrerseits zur Reinigung des deutschen Schrifttums beizutragen, kämpfte sich mit lautem Heil Hitler bis zu den Studenten durch, die eine Kette von den Lastwagen zum Ascheiterhaufen bildeten. Was brachte sie wohl mit? Bücher von Marlitt, der Heimburg, vielleicht aus Versehen ein Buch von PG Blunck oder PG Ewers? Der SA-Mann neben uns bemerkte: „Das nenne ich eine deutsche Frau.“ “

https://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_Castonier

Erich Kästner, Große Zeiten , 1934

Die Zeit ist viel zu groß, so groß ist sie.
Sie wächst zu rasch. Es wird ihr schlecht bekommen.
Man nimmt ihr täglich Maß und denkt beklommen:
So groß wie heute war die Zeit noch nie.

Sie wuchs. Sie wächst. Schon geht sie aus den Fugen.
Was tut der Mensch dagegen? Er ist gut.
Rings in den Wasserköpfen steigt die Flut.
Und Ebbe wird es im Gehirn der Klugen.

Der Optimistfink schlägt im Blätterwald.
Die guten Leute, die ihm Futter gaben,
sind glücklich, daß sie einen Vogel haben.
Der Zukunft werden sacht die Füße kalt.

Wer warnen will, den straft man mit Verachtung.
Die Dummheit wurde zur Epidemie.
So groß wie heute war die Zeit noch nie.
Ein Volk versinkt in geistiger Umnachtung.

https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_K%C3%A4stner#/media/Datei:Erich_K%C3%A4stner_1961.jpg

Oskar Maria Graf – Verbrennt mich

Wie fast alle links gerichteten, entschieden sozialistischen Geistigen in Deutschland, habe auch ich etliche Segnungen des neuen Regimes zu spüren bekommen:

Während meiner zufälligen Abwesenheit aus München erschien die Polizei in meiner dortigen Wohnung, um mich zu verhaften. Sie beschlagnahmte einen großen Teil unwiederbringlicher Manuskripte, mühsam zusammengetragenes Quellenstudien-Material, meine sämtlichen Geschäftspapiere und einen großen Teil meiner Bücher. Das alles harrt nun der wahrscheinlichen Verbrennung. Ich habe also mein Heim, meine Arbeit und – was am Schlimmsten ist – die heimatliche Erde verlassen müssen, um dem Konzentrationslager zu entgehen.

Die schönste Überraschung aber ist mir erst jetzt zuteil geworden: Laut „Berliner Börsencourier“ stehe ich auf der „weißen Autorenliste“ des neuen Deutschlands, und alle meine Bücher, mit Ausnahme meines Hauptwerkes „Wir sind Gefangene“, werden empfohlen: Ich bin also dazu berufen, einer der Exponenten des „neuen“ deutschen Geistes zu sein!

Vergebens frage ich mich: Womit habe ich diese Schmach verdient?

Das „Dritte Reich“ hat fast das ganze deutsche Schrifttum von Bedeutung ausgestoßen, hat sich losgesagt von der wirklichen deutschen Dichtung, hat die größte Zahl seiner wesentlichsten Schriftsteller ins Exil gejagt und das Erscheinen ihrer Werke in Deutschland unmöglich gemacht.

Die Ahnungslosigkeit einiger wichtigtuerischer Konjunkturschreiber und der hemmungslose Vandalismus der augenblicklich herrschenden Gewalthaber versuchen all das, was von unserer Dichtung und Kunst Weltgeltung hat, auszurotten und den Begriff „deutsch“ durch engstirnigsten Nationalismus zu ersetzen. Ein Nationalismus, auf dessen Eingebung selbst die geringste freiheitliche Regung unterdrückt wird, ein Nationalismus, auf dessen Befehl alle meine aufrechten sozialistischen Freunde verfolgt, eingekerkert, gefoltert, ermordet oder aus Verzweiflung in den Freitod getrieben werden.

Und die Vertreter dieses barbarischen Nationalismus, der mit Deutschsein nichts, aber auch rein gar nichts zu tun hat, unterstehen sich, mich als einen ihrer „Geistigen“ zu beanspruchen, mich auf ihre so genannte „weiße Liste“ zu setzen, die vor dem Weltgewissen nur eine schwarze Liste sein kann!

Diese Unehre habe ich nicht verdient!

Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, dass meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbande gelangen. Verbrennt die Werke des deutschen Geistes! Er selber wird unauslöschlich sein wie eure Schmach!

Alle anständigen Zeitungen werden um Abdruck dieses Protestes ersucht.

Oskar Maria Graf

aus: Ernst Loewy: Exil; Fischer

https://de.wikipedia.org/wiki/Oskar_Maria_Graf

Theodor Kramer, Man hat mir nichts getan, 1938

Die Wahrheit ist, man hat mir nichts getan.
Ich darf schon lang in keiner Zeitung schreiben,
die Mutter darf noch in der Wohnung bleiben.
Die Wahrheit ist, man hat mir nichts getan.

Der Greisler schneidet mir den Schinken an
und dankt mir, wenn ich ihn bezahle, kindlich;
wovon ich leben werd, ist unerfindlich.
Die Wahrheit ist, man hat mir nichts getan.

Ich fahr wie früher mit der Straßenbahn
und gehe unbehelligt durch die Gassen;
ich weiß bloß nicht, ob sie mich gehen lassen.
Die Wahrheit ist, man hat mir nichts getan.

Es öffnet sich mir in kein Land die Bahn,
ich kann mich nicht von selbst von hinnen heben:
ich habe einfach keinen Raum zum Leben.
Die Wahrheit ist, man hat mir nichts getan.

https://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_Kramer_(Lyriker)

Erich Mühsam, Angst, 1934

Angst packt mich an,
Denn ich ahne, es nahen Tage
Voll großer Klage.
Komm du, komm her zu mir!
Wenn die Blätter im Herbst ersterben,
Und sich die Flüsse trüber färben,
Und sich die Wolken ineinanderschieben –
Dann komm, du komm!
Schütze mich –
Stütze mich –
Faß meine Hand an.
Hilf mir lieben.

https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_M%C3%BChsam

Offenbacher Nachrichten vom 24. Mai 1933

„Die Stimmung der Zuhörer, die durch die musikalischen Darbietungen immer höhere Stufen erklommen hatten, erreichte bei diesem symbolischen Vorgang ihren Höhepunkt. Jede Sendung, die in die Flammen geschickt wurde, wurde mit großen Begeisterungsrufen begleitet. Als der Geist der Zersetzung in diesen Formen den Flammen übergeben war, sang die Menge begeistert das Horst-Wessel-Lied. Als gar auf der oberen Galerie auf einer Leinwand ein lebensgroßes Bild des Führers erschien, fand die Begeisterung keine Grenzen. Die Veranstaltung ist in jeder Hinsicht als durchaus glücklich und erfolgreich anzuerkennen.“

Bücherverbrennungen Mai 1933 (6)

Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft,hat schon verloren.Wer kämpft, kann verlieren.
Wer nicht kämpft,
hat schon verloren.
Bertold Brecht

Bertold Brecht
Lob der Dialektik

Das Unrecht geht heute einher mit sicherem Schritt.
Die Unterdrücker richten sich ein auf zehntausend Jahre.
Die Gewalt versichert: So, wie es ist, bleibt es.
Keine Stimme ertönt außer der Stimme der Herrschenden.
Und auf den Märkten sagt die Ausbeutung laut:
Jetzt beginne ich erst.
Aber von den Unterdrückten sagen viele jetzt:
Was wir wollen, geht niemals.

Wer noch lebt, sage nicht: niemals!
Das Sichere ist nicht sicher.
So, wie es ist, bleibt es nicht.
Wenn die Herrschenden gesprochen haben,
Werden die Beherrschten sprechen.
Wer wagt zu sagen: niemals?
An wem liegt es, wenn die Unterdrückung bleibt? An uns.
An wem liegt es, wenn sie zerbrochen wird?
Ebenfalls an uns.
Wer niedergeschlagen wird, der erhebe sich!
Wer verloren ist, kämpfe!
Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein?
Denn die Besiegten von heute sind die Sieger von morgen,
Und aus Niemals wird: Heute noch!

Mehr über Bertold Brecht:

https://de.wikipedia.org/wiki/Bertolt_Brecht